Fast jeder kennt sie, doch kaum einer gibt zu, sie zu spielen: Facebook Social Games wie Happy Farm oder Farmville. Auch ich habe bisweilen einige Zeit damit verbracht, virtuelles Gemüse zu ernten, kleine Würmchen zu bekämpfen und Karotten oder Tomaten aus dem Nachbargarten zu stehlen. Kaum einer konnte sich dem Trend, die eigene Obst- oder Gemüseplantage oder den virtuellen Bauernhof zu erstellen, verschließen.

Social Gaming ist nach wie vor ein wichtiges Zugpferd auf Facebook - insgesamt 83 Millionen Facebook-Nutzer erschaffen sich eigene Welten auf Farmville. In Deutschland spielt jeder dritte Facebook-User Social Games von Anbietern wie Playfish oder Zynga. (Quelle: Social Gaming Monitor 2010) Ein wichtiger Erfolgsfaktor dieser Spiele ist sicherlich der immense Suchtfaktor, aber auch das Bestreben, die schönste Farm, das größte Imperium oder das hübscheste Aquarium zu besitzen und sich damit gegen seine Facebook-Mitstreiter durchzusetzen. Doch was an Social Games ist eigentlich „social”? Es geht ja zumindest nicht darum, gemeinsam ein Ziel zu erreichen, sondern um das Bestreben des Einzelnen, der oder die Beste zu sein. Auch die Statusmeldungen über diverse Bauernhoftiere, die sich irgendwo „verlaufen” haben oder Hilferufe von Facebook-„Freunden”, die „ganz dringend noch eine Heugabel oder Ähnliches für ihre Farm benötigen” sind weder kreativ noch fördern sie Gemeinschaftsgefühl - sie arten vielmehr in Spam aus.
Zwar sind die beliebten Spielchen, die sich durchaus zum kurzweiligen Zeitvertreib in Pausen, Wartezimmern, langwierigen Vorlesungen oder Zügen eignen, in ihren Grundfunktionalitäten nach wie vor kostenlos, jedoch betreiben die Spielehersteller deren fortschreitende Monetarisierung. Diejenigen, denen es zu lange dauert, bis die Gemüseplantage wächst und gedeiht, können virtuelle Güter via „Item Selling” käuflich erwerben - und werden dabei kräftig zur Kasse gebeten. Nach einer Berechnung von Mücke, Sturm & Company werden dieses Jahr ca. 680 Millionen Euro alleine durch Social Games auf Facebook erwirtschaftet. Ein wichtiger Trend also, der zeigt, dass Social bzw. Casual Games durchaus ihre Daseinsberechtigung besitzen - ob aus gesellschaftlicher, oder allein aus wirtschaftlicher Sicht, das sei jetzt mal dahingestellt und muss von jedem für sich selbst beurteilt werden.
Es gibt allerdings auch Trends, die durchaus in die gleiche Kerbe schlagen, hierbei jedoch all denjenigen, die es leid sind, ausschließlich virtuelle Ländereien zu bewirtschaften, eine echte Alternative bieten. Auf www.meine-ernte.de können sich Hobby-Gärtner ihren eigenen Bio-Gemüsegarten in ihrer Nähe mieten, diesen selber pflegen, das Gemüse ernten und immer wieder nachsäen.

Der Gemüsegarten, der sich vorzugsweise in Stadtnähe befindet, wird mit über 20 verschiedenen Gemüsesorten bepflanzt, sodass man sich eine komplette Saison lang mit eigens angebautem Bio-Gemüse und Kräutern versorgen kann. Betreut wird man hierbei von einem echten Landwirt aus Fleisch und Blut, der in einer Gärtner-Sprechstunde allen Fragen Rede und Antwort steht. Zugegeben musste ich anfangs schmunzeln, via Newsletter darüber informiert zu werden, dass die Radieschen auf dem Feld nun reif seien und man sich vor dem Kartoffelkäfer hüten solle, aber dieser Service bietet besonders all jenen wie mir, die sich zuvor noch nicht so gut mit den Raffinessen des Gemüseanbaus auskannten, viele Vorteile. So erhält man in einem Meine-Ernte- Forum wichtige Tipps und Tricks, so z.B. auch Rezeptideen, und kann sich mit seinen Nachbarn austauschen.
Und irgendwie ist man dann auch ganz schön stolz, wenn man das erste Mal seinen „eigenen” Salat erntet oder die Tomaten beim Wachsen beobachten kann - auch wenn bisweilen das Unkraut auf meinem Feld wütet und ich neidvoll auf die liebevoll (in Herzform!) angelegten Kräutergärten meiner Nachbarn blicke und mich, ob meines kreativen Durcheinanders, ein bisschen schäme.

Stichwort Nachbarn: Bei der Arbeit auf dem Feld trifft man viele nette Gleichgesinnte, darunter einige Familien mit Kindern, die einem gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen - hier gibt es also nicht nur „echtes” Gemüse, sondern auch „echte” Menschen! :-)
Zugegebenermaßen ist das Konzept zwar nicht mit der Grundidee des Social Gamings vergleichbar, regt aber vielleicht auch ein bisschen zum Nachdenken an. Warum nicht all die Zeit, die man sonst in virtuellen Gemüseanbau oder in die Konstruktion von Bauernhöfen investiert, mal ganz anders verbringen? Warum nicht mal die Gummistiefel anziehen und ein bisschen im Matsch wühlen? Klar riskiert man somit auch mal aufgeschürfte Knie oder, im schlimmsten Fall, als “Öko” belächelt zu werden, aber spätestens dann, wenn man seine ersten, selbst gezüchteten Zucchini oder Kohlrabi in den Händen hält, weiß man, dass es sich gelohnt hat.

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